Verhaltensproblem. Kein Fitnessproblem.

Verhaltensproblem. Kein Fitnessproblem.

Es gibt Tage, da wache ich auf mit dem Gefühl: „Das wird meine letzte Saison.“ Ich erzähle das eigentlich nicht vielen, weil das eine gewisse Unsicherheit ausstrahlen könnte. Letztlich hängen so ca. 40 % meines Überlebens auch am Coaching, und wie schon häufig erwähnt, hängen David der Sportler und David der Coach in den Augen mancher Menschen sehr eng zusammen.

Manchmal bin ich aber auch auf die jeweiligen Reaktionen gespannt und erzähle es dann. So wie hier:

Wenn du das jetzt liest, denkst du dir vielleicht: Hä, sagte er nicht, er ist gut drauf, der Kerl? Genau! Und genau deshalb habe ich diesen Gedanken!

Wenn ich eine Verletzung habe, dann sehe ich das Potenzial. Wenn du X Wochen nur eingeschränkt trainieren kannst, dann ist der Gedanke vor, während und nach dem Rennen: „Da wäre normalerweise so viel mehr drin!

Wenn du super drauf bist, dann ist der Spielraum für die großen Fantasien kleiner. Die Analyse dafür umso schärfer.

So auch nach meinem Saisonstart in Peniscola.

Meine Erwartungen waren ja – wie letzte Woche geschrieben – nicht sonderlich hoch. Ich wollte ein ordentliches Rennen machen.

Ist mir das gelungen? Hier ein Blick in meinen Kopf.

PRE

Der Plan war, Freitag und Samstag die letzten Einheiten vor Ort zu machen. Ansonsten so viel wie möglich ausruhen und solide die Kohlenhydrate zuführen.

Vieles lief planmäßig. Leihwagen holen hat am Flughafen mit spanischer Mentalität knapp eine Stunde länger gedauert. Und „unser“ Auto war eh nicht da. Also nehmt einfach das hier … ist nicht sauber, Tank nur halb voll – passt, oder?

Spanisch eben.

Eine weitere Stunde ging aufgrund von Navigations-Errors drauf. I prefer not to speak. 😉

Tranquilo. Es bleibt ja lange hell.

Radstrecke abfahren hat nach acht Minuten Radaufbau dann noch gut geklappt. Bis auf eine Schlange bei Kilometer 17 ein toller Kurs! Wenn man ihn gut kennt. Einmal abfahren hilft, drei- bis viermal wäre besser.

Man kann hier sehr schnell fahren, hängt wie immer auch von der Dynamik ab, also mit welchen Fahrern man umgeben ist – aber grundsätzlich ein feiner Radkurs.

Das gilt für das gesamte Rennen!

Ich war hier schon 2024 und 2025 auf der Startliste. 2025 als GETactive-Gruppenevent. Beide Male konnte ich verletzungsbedingt nicht starten, und da für Vale der Platz aus dem letzten Jahr ebenfalls noch offen war, hatten wir beide quasi eine Runde Nachsitzen in Spanien.

Der Schwimmkurs ist im Meer supergut zu schwimmen. Dass man am Ende gut 200 Meter rauslaufen muss, ist zäh und war im Wettkampf selbst mit das Härteste vom ganzen Tag.

Es war auch lustig, den Kontrast an der Promenade zu erleben bzw. darzustellen: Triathleten mit Luxuskörpern ziehen sich in 30 Minuten ihren 1500-Euro-Neoprenanzug an, während der spanische Senior geduldig auf der Bank sitzt. Ein Bier in der Hand und die Tageszeitung. Herrlich!

Die Laufrunde ist nett und höllisch zugleich: Dieses „wunderschöne“ urbane Stück mit gefühlt 300 Höhenmetern und Gravel-Part war genau meins. Oder auch nicht.

Die Kombination mit direkter Renn- und Hotelanmeldung war übrigens ebenfalls perfekt. Fußläufig … fünf Minuten bis zur Wechselzone. Da brauchst du nicht mit Team anreisen, sondern kannst das auch alleine machen.

Freitag war ein langer Tag. Samstag recht entspannt. Ich versuche immer, die gleichen Abläufe vor Wettkämpfen zu haben. Kurze Aktivierungen, das gleiche Essen, die gleichen Getränke. Ein paar Videos und Musik, die ich mir übers Jahr zusammensuche und die ich dann zum richtigen Zeitpunkt rausziehen kann. Den Großteil vom Tag lag ich gefühlt auf dem Hotelzimmer im Bett am Handy. Wie ein 12-Jähriger, ganz toll eigentlich.

19:00 Uhr nochmal Nudeln und Pizzabrot, wie eigentlich immer. 21:00 Uhr lag ich im Bett und konnte zur Abwechslung überragend schlafen. Da um 4:30 Uhr der Wecker klingelte, war das gut, und ich bin manchmal überrascht, wie gut der Körper bei solchen Sachen dann doch immer funktioniert.

RACEDAY

Das Frühstück um 4:40 Uhr war ein am Vortag gekaufter To-go-Reis vom Asiaten mit Erdbeermarmelade. Drei Euro teuer, 120 g Kohlenhydrate und ungefähr so lecker wie eine DIN-A4-Seite aus dem Laserdrucker.

Meine Aktivierung beginnt auf dem Hotelzimmer. Ich versuche, das Gleiche zu machen wie jeden Morgen. Kopf und Körper funktionieren am besten, wenn sie Routinen haben. Also die gleichen Übungen, die gleiche Musik auf den Ohren. Wettkampf ist zu dem Zeitpunkt noch ausgeblendet.

Bis zum Aufbruch aus dem Hotel brauche ich dann noch drei bis vier immer gleiche Lieder, die mich in die richtige Zone bewegen.

6:15 Uhr sind wir los Richtung Wechselzone. Das ist dann auch der Moment, ab dem ich im Racemodus bin und der Geduldsfaden kurz und das Nervenkostüm eher in der Größenordnung meiner Badehose ist. Wahrscheinlich eine sehr unsympathische, aber ehrliche Version von mir.

Am Rad die letzten Vorbereitungen, dann gehts Richtung Schwimmstart. Bis wir im Neo waren, war es 7:20 Uhr. Zum Einschwimmen keine Zeit mehr. Kurz ins Wasser zum Neo fluten und vakuumieren und dann in die Startaufstellung.

Problem: ca. 100 Athleten mit „Elite-Label“ ausgestattet, aber nur ca. 45, die auch sonst als Profi starten. Ich versuchte noch, so weit wie möglich nach vorne zu kommen, aber in Reihe 4 war ich stecken geblieben. Der Sprint vom Startbogen bis zum Wasser um 7:30 Uhr reichte nicht mehr aus, um noch in Reihe 1 oder zumindest 2 zu kommen.

Erster dicker Fehler des Tages, der Zeit kosten würde.

Ich – und das ist lustig – führte die Schwimmgruppe irgendwann an, bis sich bei ca. 1000 m alles dann endlich sortiert hatte. Anscheinend hatte es auch andere erwischt, die beim Start zu weit hinten waren. Also ging doch noch mal ein Zug weit rechts von mir, den ich mir dann schnappte und in dem ich relativ entspannt mitgeschwommen bin.

Problem II: Bei einer Mitteldistanz und auch Langdistanz im Profifeld darf es NIE entspannt sein beim Schwimmen. Das ist immer nahe Schwelle und immer hart und immer nahe an der Kotzgrenze.

Da wusste ich: mindestens ein bis zwei Minuten verschenkt.

Das Gute dennoch: Ich konnte beim Schwimmen wieder gute Entscheidungen treffen und habe mich gut gefühlt. Die Zeit von 28 Minuten ist dann nicht überragend, aber wenn man meine Fähigkeiten beim Rausgehen aus dem Wasser bedenkt – nochmal eine Minute wahrscheinlich –, ist das okay und bestätigt alles, was im Wasser über den Winter passiert ist. Gute Entwicklung, Haken dran und jetzt schon ready für Klagenfurt.

Auf dem Rad: Ich wusste, dass ich berghoch eine unschlagbare Kombi haben werde: Knapp 65 Kilo Körpergewicht, ohne Probleme 290–320 Watt an allen Anstiegen und ein 58er-Kettenblatt vorne, welches getreten werden MUSS. So war es auch, dass ich an den Anstiegen sofort alles einsammelte, was da vorher vor mir beim Schwimmstart gestanden war.

Die „Dynamik“, die sich ergab: Ich sammelte bergan ein und versuchte bergab, an den Spaniern dranzubleiben. Meine Fähigkeit, Risiko zu gehen, ist im Wettkampf vorhanden, ja. Meine Fähigkeit, eine Kurve perfekt einzuschätzen, nur bedingt. Und wenn du einmal leicht an der Bremse zuckst und anstatt 62 nur noch 55 fährst, dann hast du eine Lücke und musst 500 Watt extra treten. Oder du lässt eben reißen.

Es ging relativ gut, auch wenn ich wusste, dass mein 38,5er-Schnitt niemals ansatzweise schnell genug sein würde, um vorne reinzukommen. Mindestens 40 hätte ich gebraucht. Hier gilt halt auch: Kommst du weiter vorne aus dem Wasser – bzw. bist in dem Fall früher drin –, dann hast du bessere Leute um dich auf dem Rad.

Besonders ärgerlich aber und damit Problem III: Bei km 80 habe ich einen Moment nicht aufgepasst und die Gruppe, zehn Fahrer direkt vor mir, etwas zu weit weggelassen.

Der größte Fehler des Tages: Komme ich mit denen zeitgleich in die Wechselzone, habe ich beim Laufen deutlich mehr Möglichkeiten, und am Ende steht vielleicht nicht Platz 27, sondern Platz 18 oder 19. Was schon besser wäre.
Das war nicht, weil die Beine wehtaten, sondern weil ich dachte „es sind maximal 10-15″, die ich hier verliere„. Trottel, der Typ hinterm Lenker.

Anyway: Beim Laufen mit 3:30 für sieben Kilometer angelaufen und alles eingesammelt, was vor mir war. Im Gegenwind und im bergigen Teil etwas an Tempo rausgenommen und leider einfach niemanden mehr vor mir gehabt zur Orientierung. Macht das was? Eigentlich nicht. Möge man meinen. Irgendwie schleicht sich dann aber das Gefühl ein: „Viel mehr wirst du heute nicht holen.“ Und ist dieser Gedanke einmal kurz da, bist du nicht mehr bei Leiden 10/10, sondern nur noch 9/10 oder vielleicht 8. Und dann läufst du 3:55 auf den Kilometer. Gut? Sicher nicht. Menschlich/normal? Wahrscheinlich ja.


Mentale Degradation nennt man das.

Ich war mit gemischten Gefühlen im Ziel.

Es war der „normale“ Tag, den ich mir gewünscht habe. Kein technischer Defekt oder Problem. Keine Nutrition verloren. Kein Heckmeck. Kein Magen. Nicht mal irgendwelche Schmerzen oder Krämpfe.

Ich struggle mit taktischen Entscheidungen. Das ist besser als alles andere und behebbarer als vieles!

Das Resultat? Nicht gut und nicht so, dass ich zufrieden nach Hause fahre. Aber das ist eben genau der Punkt: Du darfst – in keinem Profifeld der Welt heutzutage – irgendwelche Fehler machen. Du musst es nahe perfekt machen, um weiter nach vorne zu kommen. Wer das nicht versteht, ist noch nicht in einem Profifeld gestartet. Kleine Fehler, große Wirkung. Simpel.

Was heißt das nun?

Werde ich nun alles über den Haufen schmeißen und meine Herangehensweise ändern? Nein! Zweifle ich jetzt an mir und an dem, was ich am 14.06. schaffen will? Absolut nein!

Drei Minuten beim Laufen – ist eine Welt – ja, aber wenn du Schulter an Schulter läufst, macht das schon viel aus – und fünf Minuten beim Radfahren wären drin gewesen, ohne dass ich groß mehr investiert hätte. Leider.

Und da sind wir wieder beim Eingangsthema: Potenzial. Da ist viel davon auf der Strecke liegen geblieben. Und solange ich das noch sehe, bin ich dann doch wieder sehr weit weg vom Gedanken des Aufhörens.

Wahrscheinlich werde ich meinen Start in Samorin streichen und mich voll auf Klagenfurt konzentrieren. Ich werde da auch hinfahren und die Radstrecke nochmal abfahren und neuralgische Punkte testen.

Ich habe 2019 mal gesagt, mein großes Ziel im Profibereich ist es, langfristig um die Hawaii-Quali zu kämpfen. 2019 hat da auch eine 8:40 h oder 8:30 h ausgereicht. Die Zeiten haben sich geändert, das Ziel ist gleich. Meine Chance ist bei kleiner 1 %, aber die nehme ich gern.

Meine Schwimmzeit könnte solide genug sein für eine gute Rad-Dynamik. Meine Marathonzeit wird gut genug sein für ein gutes Finish. Also am Rad arbeiten. Eigentlich mal das Einzige, was ich konnte. Früher.

Und: Die richtigen Entscheidungen treffen. Die 100%. Kein falsches Abwägen oder Taktieren.

Und im Juni werde ich alles probieren. Mehr kann man nicht tun, lange genug habe ich darauf hingearbeitet, dass ich mich gut genug fühle, sechs Wochen vor einem Ironman so ein Ziel auszugeben.

Und das Gute: Ich kann’s mal machen wie ein Politiker. Es ist egal, was ich sage! Denn am 14.06. geht für die deutsche Mannschaft die Fußball-WM los. Also interessiert spätestens am Abend niemanden mehr, wer in Klagenfurt vorne war und wer nicht.

Danke fürs Lesen und danke für die vielen Nachrichten rund um den Wettkampf! Auch wenn ich vorher nicht immer alles beantworte, ich freue mich auch später noch darüber.

Bis bald und: Wenn’s dir ähnlich ging: Dranbleiben. Ein Wettkampf ist eine Zahl. Der Rest ein Gefühl, das nur du selbst als SportlerIn greifen kannst.

PS: Gratulation an Vale! Tolles Finish und tolles Triathlon Comeback. So wie in dem Foto oben lagen wir 2023 schon mal am Strand. Damals: Er ein DNS beim 70.3 und ich ein DNF beim Ironman Italy. Resultat hin oder her: Die Heimfahrt war deutlich angenehmer, als damals!

Happy Days,
David.

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