Al dente: Raceweek.
Da ist es schon Zeit für die Langdistanz! 3,8 km im Schwimmen, 180 km auf dem Rad, 42 km Laufen. Eins davon reicht eigentlich und doch macht ja irgendwie der Marathon erst ab einer gewissen Vorbelastung so richtig Spaß.
Ich sitze in meinem Hotelzimmer in Muhr am See, weil ich bei der Aprovis Gesundheitswoche zu Gast bin und ein bisschen was erzähle, ein bisschen mit den Leuten Rad fahre und ein bisschen laufe.
Google den Ort nicht. Ich weiß auch nicht genau, wo das ist.
Ich weiß nur leider jetzt schon, dass das Bett zu klein ist, um gerade, und zu schief ist, um diagonal drin zu liegen. Gute Nacht.

Zurück zum Wesentlichen:
Es geht darum, das Puzzle zusammenzusetzen aus unzähligen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten Training.
Je länger ein Wettkampf, desto unmöglicher eine genaue Vorhersage. Selbst im absoluten Spitzenbereich ist das immer noch ein Tag, an dem einfach zu viel passieren kann.
Einen Ironman kannst du nicht komplett simulieren.
Und das ist das Wunderschöne an dieser Sportart! Du trainierst ewig lang und am Tag X schaust du, was rauskommt.
Das macht es spannend und interessant und öffnet auch immer noch Türen für Überraschungen – speziell auf der Langdistanz.
Meine Vorbereitung lief (auch nach dem letzten Blog) weiterhin nahezu „perfekt“. Ein langer Lauf zwei Wochen vor dem Wettkampf musste ausfallen. Ich hatte mir den Nervus femoralis eingeklemmt und einige Tage damit trainiert (weil es kein schlimmer Schmerz war).
Tatsächlich habe ich das oder etwas sehr Ähnliches häufig in der unmittelbaren Rennvorbereitung.
Also kein Drama.
Der letzte lange Lauf gestern lief sehr, sehr gut. 30 Kilometer, 4:05–4:10 war Erzähl-Pace und die 2 × 3 Kilometer am Ende in 3:45/km liefen so, als ob ich gerade frisch loslaufen würde.

Happy Days. Sollte, müsste, dürfte reichen für einen sehr, sehr guten Lauf in Klagenfurt.
Ich kann aus dem Vollen schöpfen. Aktuell sehen die Bedingungen nach Neo-Schwimmen für Profis aus, was super ist für mich!
Nicht aufgrund mangelnder Schwimm-Fitness, sondern aufgrund der mangelnden Toleranz für Kälte.
Temperaturgrenze für Profis auf 3,8 km sind flauschige 21,9 Grad … und ich weiß, wie ich da bei Schwimmstart um 06:30 Uhr aus dem Wasser kommen würde.
Du kannst mich eine Stunde in die Sauna bei 80° setzen. Da ist sehr viel mental. Wahrscheinlich ist das im kalten Wasser auch so, aber da funktioniert es nicht ansatzweise. (Trotz Wim-Hof-Zeug, was ich mir über die Jahre angetan habe.)
Zweimal musste ich zuletzt wieder Einheiten abbrechen, weil ich unterkühlt war und auch nur noch Mist schwimme.
Ich komme dann aus dem Wasser und brauche einen halben Tag, bis ich wieder funktioniere.
Das Gefühl ist oft grenzwertig: Alles spielt sich für ca. zwei Stunden in doppelter Geschwindigkeit ab. Ein langsames Lied, der Verkehr, Gespräche – also ich funktioniere da überhaupt nicht mehr.
Insofern hoffe ich sehr auf 21,9 oder drunter (oder gleich 25!). Nicht zuletzt, da ich – anders als beim Radfahren – mit meinem Neo eine Materialschlacht nicht verliere, sondern auf Augenhöhe agiere.
Insgesamt weiß ich, dass mein Rennen bezüglich Gesamtzeit und Platzierung auf dem Rad entschieden werden wird.
Dass ich für die 180 km und 1800 Höhenmeter unter 4:20 brauche, ist für mich aktuell sehr schwer vorstellbar. Genau hier kann es aber sein, dass sich entscheidet, ob es ein okay-er, solider oder sehr guter Tag wird. 15 Minuten hin oder her sind auf einer Langdistanz eine Welt – und auf dem Rad mit nur wenigen kleinen Fehlern schnell verloren.
Ob die neue Regelung mit 20 Metern Windschattenabstand und Race Ranger (ein Sensor, der anzeigt, ob du zu nahe bist usw.) hier eventuell sogar einen kleinen Vorteil für mich bringt, bleibt abzuwarten. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass mich die 12-Meter-Dynamik eher zerstört.
Das Training vor Ort in Klagenfurt brachte nochmal wichtige Erkenntnisse und ich weiß, wie ich den Kurs fahren muss. Es gibt Teile, die liegen mir. An anderen Stellen werde ich viel arbeiten müssen und auch ein bisschen Glück mit der Situation haben müssen.
Gesamt muss ich sagen:
Ich konnte die Vorbereitung risikoreicher gestalten als je zuvor. Also einfach progressiver.
Vor Kopenhagen letztes Jahr galt nur eins: irgendwie an die Startlinie kommen. Es war unfassbar wichtig, Wettkämpfe zu haben nach 2024.
Dieses Jahr war es mir ehrlich gesagt von der Denkweise her „egal“: Startlinie bei 100 % Form oder eben gar nicht.
Diese 100 % zu finden ist nicht einfach, weil nach „fest“ kommt „ab“ – aber ich glaube, ich hab’s ganz gut getroffen.
Es ist ein wenig wie beim Kochen: Lässt du die Nudeln zu lange im Wasser, hast du eine überkochte Nudel. Zu früh raus, ist das Ding zu hart.
Was für eine Metapher!
Ich habe, seit die Pro-Rennen-Liste im Dezember herausgekommen ist, keinen Tag gehabt, an dem ich nicht an den 14. Juni gedacht habe.
Jeder Tag war in der einen oder anderen Form Vorbereitung.
Wird also Zeit jetzt.
Risiko in der Vorbereitung ist das Eine. Risiko im Rennen das andere.
Und hier sehe ich es genauso wie im Training:
Ich bin zu gut drauf, dass ich mich auf ein „Hauptsache solide ins Ziel kommen“ einlasse.
Ich möchte in allen drei Teildisziplinen etwas probieren. Wohl wissend, dass die Radstrecke bei Kilometer 170 einen noch um die Ohren fliegen kann (Rupertiberg 2/2).
Das heißt, hier werde ich den Kopf schon versuchen anzulassen.
Ich möchte einfach wissen, was geht.
„Be curious“ (sei neugierig, liebe Großmütter die kein Englisch können) hat Jan Frodeno die Tage vor dem Ironman Hamburg geschrieben, wäre sein Motto, wenn er heute noch mitmachen würde.
Einfach herausfinden, was am Tag X geht.
Und solltest du selber Raceweek haben, empfehle ich dir das auch:
Lass dich doch nicht von Zahlen oder „Fakten“ limitieren!
Go for it!
Schau, was geht.
In diesem Sinne:
Happy Raceweek oder happy Training. Oder falls du was anderes im Sinn hast, auch okay.
Sonntag, 06:30 Uhr Gun Start.
Startnummer 39.
Bis die Tage, sportlichste Grüße,
David.
