Coaching Vonn Der Couch.
„Weltcup-Abfahrtsläufe machen eam a bisserl müd, weu er is abgebrüht. Wenn eam dabei irgendwas erregt, dann nur, wenn’s einen ordentlich zerlegt. Ein Sturz bei 120 km/h entlockt ihm ein erfreutes ‚Hoppala‘. Und liegt ein Körper regungslos im Schnee, schmeckt erst so richtig der Kaffee.“
Na, Text erkannt?
Ich bin weder ein Stamm-Olympia-Zuschauer noch Experte im alpinen Skisport. Ich habe auch noch nie bewusst ein Rennen von Lindsey Vonn angeschaut und bin generell kein großer Wintersport-Fan – aus vielen Gründen. Zum Beispiel mag ich die Kälte nicht. Ich besitze genau eine Winterjacke, die gleiche seit 2017, und versuche ansonsten mit einem originellen Schichten-System und Jogginghosen durch die kalte Jahreszeit zu kommen.
Aber was da am ersten Olympia Samstag passiert ist, hat mich dezent aufgeregt. Und ich bin nicht der Erste, der so etwas sagt – aber besser spät als nie.
Da verletzt sich – wie viele sagen – die beste Ski-Rennfahrerin aller Zeiten ein paar Tage vor Olympia schwer. Kreuzband gerissen, Bone Bruise unter anderem. Zum Kreuzband kann ich nichts sagen, aber ein Knochenödem tut so höllisch weh, dass es wirklich nicht schön ist.
Und nun ist Olympia. Und sie sagt selbstbewusst, dass sie starten wird.
Erster Aufschrei unter vielen Couch-Experten: Ohne Kreuzband geht das nicht!
Leute, es ist Olympia. Diese Chance kommt ohnehin nur alle vier Jahre. Für sie war es definitiv das letzte Mal – insofern kann ich den Gedanken sofort erstmal absolut nachvollziehen.
Sie trainiert sogar die Tage vor dem Start auf dem Kurs. Sie fährt also nicht einfach blind in den Wettkampf und denkt sich „wird schon gehen“ – es wurde getestet. Natürlich sah es schmerzhaft aus, wie sie danach zum Auto ging. Aber aus Athletinnen-Sicht: Für diese eine Minute Vollgas absolut nachvollziehbar.
Und dann startet sie, stürzt nach wenigen Sekunden schwer, bricht sich komplex den Unterschenkel und muss abtransportiert werden.
Zweiter Aufschrei – auch von vielen Ärzten. War ja klar. Ohne Kreuzband geht das nicht. Auf Instagram kursieren Video-„Analysen“, die zeigen sollen, dass sie nur aufgrund der Verletzung die Balance verloren hat.
Leute! Diese Frau ist Weltklasse. Und keine 12 Jahre alt. Wenn nicht jemand wie sie – wer dann – hat das Recht, selbst zu entscheiden, dieses Risiko einzugehen?
Das Einfädeln und der daraus resultierende Sturz hätten genauso ohne Verletzung passieren können. Weil: 100 % Risiko für 100 % Resultat.
Und genau da sind wir beim eigentlichen Punkt, der meinen Puls seit diesem Tag etwas erhöht hat:
Ohne Risiko gäbe es die meisten Spitzenleistungen im Hochleistungssport gar nicht.
Wir reden hier über eine absolute Topathletin. Bei all den Qualifikationsrennen und in anderen risikoreichen Sportarten passiert Ähnliches – nur bekommt es niemand großartig mit.
Risiko ist im Hochleistungssport allgegenwärtig. Je höher die Geschwindigkeit, desto höher (muss) die Risikobereitschaft (sein). Im Radsport werden Abfahrten mit 100 km/h taktisch gefahren – immer am Limit, immer eine Reifenbreite vom Jenseits entfernt.
Da ist Triathlon – zumindest auf der Mittel- oder Langdistanz – noch vergleichsweise moderat. Die Dynamik im Profibereich ist zwar deutlich härter geworden, und auch hier darfst du nicht an der falschen Stelle bremsen – aber es ist Kinderfasching im Vergleich zum Radsport.
Und ja: Auch wenn ich meilenweit von einem Olympia-Level entfernt bin, muss ich immer wieder ins Risiko gehen. Allein um wirklich fit an der Startlinie zu stehen, ist es manchmal ein Ritt auf der Rasierklinge. Das letzte harte Intervall, die letzte Woche im Belastungsblock – dort setzt du entscheidende Reize. Und genau dort kann es kippen.
Ich erinnere mich an 2024 in Köln. Ich stand an der Startlinie und konnte die Tage davor kaum noch laufen. Später stellte sich heraus, dass ich mit einer knöchernen Stressreaktion an Hüfte/Oberschenkel gestartet war.
Warum startete ich dennoch?
Weil es ein unfassbar schwieriges Jahr war. Wegen meiner Schienbeinverletzung konnte ich nirgends sonst starten. Für Köln hatte es gerade so gereicht. Ohne wirklich Laufkilometer, ohne gute Vorbereitung. Ich wusste: Ein Start ist zumindest ein Lebenszeichen – auch existenziell relevant. Ein Jahr komplett ohne Wettkampf ist etwas anderes als zumindest einmal ins Ziel gekommen zu sein. Die Zeit war nicht überragend, aber der Lauf mit 1:14 h hinten raus solide.
Ich wusste auch: Start oder Nichtstart – die Verletzung war so gravierend, dass der vier Wochen später geplante Ironman Barcelona ohnehin nicht funktionieren würde. (Man hat ja ein Körpergefühl und Erfahrungen)
Das Risiko war also da – aber kalkuliert.
Im Jahr darauf war es genau anders herum. Nach der langen Laufpause wusste ich, dass ich bis August (Ironman Kopenhagen) keine absolute Topform erreichen würde. Ich musste konservativ bleiben. Und das ist fast genauso frustrierend, wie verletzungsbedingt nicht starten zu können.
Diskussionen über solche Entscheidungen vermeide ich mittlerweile oft. Aus genau diesem Grund: Die wenigsten Menschen verstehen, warum man bewusst ins körperliche Risiko geht. Wann das mal sein „muss“ und wann es eventuell sogar „Sinn“ macht.
Selbst als noch so ambitionierter Hobby-Sportler: In den Bereich einer Stressfraktur oder ähnlicher Überlastungserscheinung kommt man mit solider Ernährung und moderatem Training normalerweise nicht.
Im Profibereich kann das leider passieren. Und dafür muss man weder dumm noch körperlich fragil sein. Frag mal bei Frodeno oder Sanders nach.
Hochleistungssport ist die Suche nach dem letzten Prozent. Und ich würde immer versuchen, die 100 % zu finden, statt mit 90 % an den Start zu gehen. Auch wenn das nicht immer realistisch und machbar ist und auch wenn ich damit schon paar mal auf die Schnauze gefallen bin – aber das ist immer die grundsätzliche Idee.
Im Coaching mache ich das Gegenteil – aus gutem Grund. Meine Athlet:innen haben Berufe, Familien, Verpflichtungen. Sie dürfen nicht ausfallen. Hier geht es immer darum, aus den zeitlichen Verfügbarkeiten das meiste rauszuholen. Ohne die Gesundheit zu gefährden und ohne den Spaß zu vernichten. Wenn ich regelmäßig irgendein Feedback bekomme „jetzt „muss“ ich schon wieder dies oder das machen“, dann nehme ich meist etwas raus, ohne dass es bemerkt wird. Das erfüllt den Zweck auf allen Ebenen, erfordert aber ein bisschen Erfahrung und Fingerspitzengefühl.
Überlastungsverletzungen habe ich noch keine herbeigecoacht.
Ich hatte bisher genau einen Athleten mit einer Stressfraktur. Ein junger Kerl aus den USA. Er wollte Gewicht verlieren, während er voll trainierte, und fragte ChatGPT – nicht mich. Die Empfehlung lautete: Kohlenhydrate streichen. Das Resultat: Stressfraktur im Mittelfuß und kein Ironman 70.3.
Unsere Zusammenarbeit endete dort, leider. War ein sehr talentierter Typ!
Im Hobby- und Amateursport liegt der Fokus auf Freude, Gesundheit und solider Zielerreichung – nicht auf dem allerletzten Prozent. Das würde viel zu schnell kippen. Allein auch wenn ich mir die Schlafzeiten mancher Athlet:innen anschaue …
Im Profisport geht es um das Resultat. Und da finde ich, muss man die Leute machen lassen.
Natürlich dürfen wir alle eine Meinung haben. Aber seien wir ehrlich: Wir haben doch keine Ahnung. Von der Couch, aus 1.000 Kilometern Entfernung, Urteile zu fällen und vor allem auch öffentlich zu analysieren, ist häufig schon fraglich oder deplatziert. Ich finde, an gewissen Stellen sollte man manchmal einfach 10% zurückgehen von seiner festen Überzeugung und kurz mal innehalten und (be)denken, warum hier jemand eine Entscheidung trifft.
Gleiches gilt, wenn im Juni wieder 40 Millionen selbsternannte Bundestrainer schimpfen, weil Nagelsmann jemanden „falsch“ aufstellt.
Vielleicht ist der echte Bundestrainer ein klein wenig näher an der Thematik als der Grillmeister mit drei Bier auf der Couch?
José Mourinho sagte einmal sinngemäß, dass Fußballtrainer der schwierigste Job der Welt sei, weil jeder seinen Senf dazu gibt – und das in kaum einer anderen Branche passiert. Ganz Unrecht hat er nicht.
Der Bäcker weiß, wie man eine Breze macht. Über Geschmack lässt sich streiten. Aber weiß der Versicherungsmakler wirklich, wie man eine bessere Breze machen würde? Wohl kaum.
In diesem Sinne: Lassen wir die Menschen, die wissen, was sie tun, einfach mal machen. Sie tragen letztendlich auch die Konsequenzen dafür. Egal ob Sportler oder Bundestrainer.
Sind wir ehrlich: Hätte Lindsey Vonn das Ding gewonnen, wäre es die Geschichte der Spiele gewesen.
Und genau dafür schalten doch so viele ein. Wegen des unkalkulierbaren Risikos. Wegen der scheinbaren Beratungsresistenz. Wegen des unfassbaren Willens. Und weil sie es schaffen, für normale Menschen unmögliche Leistungen „einfach“ aussehen zu lassen.
Sportliche Grüße David