Ruhe bewahren.
40,2 °C.
Das Fieberthermometer diskutiert nicht.
In der Nacht von Montag auf Dienstag war mir klar: Die wichtigste – und einzige echte – Trainingswoche vor der Challenge Turku würde mehr oder weniger ausfallen.
Und natürlich kam sofort dieser Gedanke.
„Jetzt ist die Form weg und jegliche Chance auf ein gutes Ergebnis“
Ist das wirklich so?
Bekanntermaßen ist man erst hinterher schlauer. Die Antwort werde ich nach Turku kennen.
Aber einen Teil der Antwort kann ich schon liefern.
Denn die Geschichte beginnt schon vorher.
Ich war schon vor dem Regionalliga-Rennen in Hof etwas angeschlagen. Kein Drama, kein Fieber, aber eben auch nicht gesund. Das Training wurde reduziert, zwei komplette Ruhetage eingebaut und ich hoffte – ähnlich wie vor Peniscola – dass der Körper die Kurve noch rechtzeitig bekommt.
Tat er dieses Mal nicht.
Am Freitag fuhr ich zum Schwimmtraining nach Würzburg. Das fühlte sich wieder halbwegs vernünftig an. Anschließend ging es weiter nach Hof.
Dort angekommen folgte eine kurze Koppeleinheit.
Auf dem Rad: so lala.
Beim anschließenden Fünf-Kilometer-Lauf musste ich zweimal gehen, weil Puls und Atmung plötzlich irgendwo zwischen „unangenehm“ und „gleich kippst du um“ lagen.
Ein Wettkampf?
Eigentlich ausgeschlossen.
Ich telefonierte mit Jochen, unserem sportlichen Leiter beim TSV Harburg.
Eine wirkliche Alternative gab es nicht.
Also beschlossen wir, die Entscheidung erst am Sonntagmorgen zu treffen.
90 % David sind mehr als 0 % niemand.
Das ist übrigens ein Punkt, um den ich Fußballprofis manchmal beneide.
Nicht wegen des Geldes. Irgendwann braucht man auch kein weiteres Auto mehr.
Sondern wegen des Teams.
Da gibt es Ärzte, Physios und Trainer, die Entscheidungen treffen. Und zwar sofort und immer und überall.
Auf orthopädischer Seite bin ich da sehr gut aufgestellt. Wenn irgendwo etwas kaputtgeht, bekomme ich sehr klare Ansagen.
Bei Infekten ist das schwieriger.
Da muss ich viel selbst entscheiden.
Ruhepuls. HRV. Treppensteigen. Atmung. Körpergefühl.
Viele möglichst objektive Kriterien.
Und trotzdem bleibt am Ende immer ein Restrisiko.
Samstag fühlte ich mich irgendwie gesund oder zumindest gesund genug.
Dizzy, also irgendwie schwindelig. Etwas matschig, aber keine starken Symptome mehr.
Ich schob vieles auf die Überdosis an Allergietabletten.
Sicher ist sicher und zählen ist manchmal schwieriger, als man denkt.
Im Nachhinein wahrscheinlich Wunschdenken.
Wettkampfmodus?
Überhaupt nicht.
Gefühlt mit einer 1,5 Zentimeter dicken Milchglasbrille und mit dicken Plüsch-Kopfhörern unterwegs.
Wie ein Lappen.
Wäre es kein Mannschaftswettkampf gewesen, hätte ich den Start abgesagt.
Soll nicht heroisch klingen. Einfach ehrlich.
Ich lasse andere ungern hängen.
Und gleichzeitig bin ich in solchen Situationen unfassbar neugierig.
Was ist eigentlich möglich, wenn du dich so schlecht fühlst und nicht ordentlich trainieren konntest?
Ich kündigte schon vorher an:
Wenn der erste Laufkilometer nur in 3:50 geht, steige ich aus.
Nicht wegen des Ergebnisses.
Sondern weil ich spätestens dann gewusst hätte:
Heute bist du nicht gesund genug.
Als icing on the cake, schlief ich in der Nacht vor dem Rennen gerade einmal drei Stunden.
Normalerweise schlafe ich vor Wettkämpfen hervorragend.
Dieses Mal eben nicht.
Trotzdem war mein initialer Gedanke am Morgen so, wie meine Gedanken eben sind:
Wenn unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch jemand eine gute Leistung abrufen kann, dann ich.
Mein Selbstverständnis ist ähnlich meiner Freibad-Hautfarbe:
Leicht portugiesisch angehaucht.
Nach zwei doppelten Espresso, einer Dose Red Bull und meinem Reiskuchen und meinem Standard-Warm-Up stand ich plötzlich an der Startlinie.
Schwimmen?
Ordentlich. Es fehlte der Punch und die Aggessivität beim Start und an den Bojen.
Nicht überragend, aber gemessen an den Abständen absolut okay.
Radfahren?
258 Watt. Eigentlich Werte, die für ungefähr 58 Minuten hätten reichen müssen.
Dann passierte das, was aktuell irgendwie zu oft passiert:
An einer entscheidenden Situation war ich nicht gut genug positioniert.
Drei Fahrer verloren den Anschluss. Ich war einer davon.
Ah… Déjà-vu: Radfahren kostet mich mal wieder das Rennen.
Beim Laufen merkte ich schon nach dem ersten Kilometer in 3:32 Minuten:
Heute fehlt die Schärfe für eine wirkliche Top-Zeit. Nicht die Beine. Nicht die Lunge. Die Schärfe.
Trotzdem wurden es am Ende 36:35 Minuten auf einem anspruchsvollen Kurs.
Zwei Tage zuvor musste ich dort noch spazieren gehen.
Das überraschte mich ehrlich gesagt selbst.
Platz 31 dagegen weniger.
Auf diesem Niveau kosten kleine Dinge eben sofort viele Plätze.


Montag fühlte ich mich erstaunlich gut.
Schwimmen und Krafttraining. Alles wie geplant.
In der Nacht auf Dienstag kam dann der switch und ich cancelte meine Pläne für die nächsten Tage:
40 Grad Fieber.
Frieren. Schwitzen.
Ob das nun ein neuer Infekt war oder der alte, den ich über das Wochenende einfach nur unterdrückt hatte?
Keine Ahnung.
Was ich aber weiß:
Der Körper holt sich die Pausen, die man ihm nicht gibt.
Und trotzdem hat mir dieses Wochenende noch etwas anderes gezeigt.
Der Körper vergisst auch nicht.
Nicht nach drei Tagen.
Nicht nach einer Woche.
Nicht nach einem Infekt.
Natürlich verliert man etwas.
Die Schwellenhärte verschwindet schneller.
Das Wassergefühl gefühlt sowieso.
Aber das Fundament? Das bleibt.
The body will remember.
Vier Wochen schlechtes oder gar kein Training machen kein halbes Jahr Vorbereitung kaputt.
Das Wichtigste ist deshalb etwas anderes:
Das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit darf nicht krank werden.
Deshalb gehe ich auch in Turku wieder mit genau dieser Mischung an den Start.
Ein bisschen Arroganz. Ganz viel Neugier.
Und der Frage:
Was ist heute möglich?
Dieses Mal immerhin ohne komplett müde Beine, so dass ich mir am Flughafen schon Gedanken mache, ob ich bis zum Start noch frisch werde.
Vielleicht ist ein bisschen zu viel Frische als ältester Profi im Feld gar kein Nachteil.
Always look on the bright side.
Vier Wochen schlechtes Training machen kein gutes halbes Jahr kaputt.
Also, falls du vor deinem nächsten Wettkampf mit einer Erkältung kämpfst:
Keep calm and remember you’re usually fit as F*.**
Bis demnächst.
Sportliche Grüße,
David