„Naja, du kannst halt nicht schwimmen.“

„Naja, du kannst halt nicht schwimmen.“

März 2023. Mein erstes Date mit meinem Schwimm-Coach Lukasz Wojt. 09:30 Uhr, Adami Bad in Würzburg – so wie seit diesem Tag unregelmäßig aber regelmäßig (meist etwa 1x pro Monat)

Das bedeutete für mich (jedes Mal): früh aufstehen, am Abend vorher Essen für fünf Stunden Autofahrt vorbereiten und 7,99 € in eine Blitzer-App investieren, nachdem ich gute 300 € an stationäre Blitzer verloren hatte. (Ja … ich weiß.)

Vor allem hieß es aber: Mit Anfang 30 nochmal einen Neuanfang beim Schwimmen wagen.

Die Kurzfassung bis dahin. Pass auf:

Ich habe 2018 meinen ersten Triathlon gemacht. Ironman 70.3 Luxembourg.

Schwimmen? Ja, da war was.

Ich hatte im November 2017 (meist) im Friedberger Hallenbad in Flatterbadehose ein paar Bahnen gezogen. Ich war damals ungefähr 26 Jahre alt und hatte – ehrlich gesagt – überhaupt keine Ahnung.

Die Badehose tauschte ich nach zwei oder drei „Einheiten“.

„Was machst du da? Trainierst du auf was?“

„Ja … Ironman 70.3. Also 1,9 Kilometer Schwimmen.“

„Ja … also das wirst sicher nicht schaffen.“

Danke für das Gespräch.

Ich schaffte es.

Ich glaube, in 45 Minuten oder so. Rückblickend habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man 1,9 Kilometer im Neo, in einem Fluss und mitten im Pulk so langsam schwimmen kann.

Aber es war eben so.

Bei meinem zweiten Triathlon – einer olympischen Distanz in Königsbrunn, damals also direkt vor meiner Haustüre – kam ich unter riesigem Jubel zum Landgang für Runde zwei aus dem Wasser.

Der Grund?

Der Führende, Roman Deisenhofer, stieg bereits kurz hinter mir aus dem Wasser (Er hatte die gesamte Distanz, ich die halbe).

Also ja … so langsam war ich damals.

42 Minuten Schwimmzeit.

Unfassbar eigentlich.

Dass ich 2019 schon halbwegs solide schwimmen konnte (30 bis 31 Minuten auf 1.900 Meter), verdanke ich unter anderem meinem ersten Coach Tony, einem Schweden.

Ein guter Typ. Als erster Trainer genau der Richtige.

Aber ehrlicherweise auch kein geborener Schwimmer. Ich glaube, selbst nie unter einer Stunde beim Ironman geschwommen.

Insofern muss man das Wort „solide“ auch hier wieder in Anführungszeichen setzen. Mit Schwimmen hatte das technisch immer noch nicht besonders viel zu tun.

Über die nächsten zwei Jahre probierte ich verschiedene Personal Trainer aus.

Das Ergebnis war fast immer ähnlich:

„Sieht eigentlich gut aus … schwimm einfach mehr, dann wirst du schon schneller.“

So oder so ähnlich lauteten meistens die Kurzfassungen. Dazu ein paar Technikübungen, über die ich heute lachen muss.

Den Schlusspunkt setzte dann mein damaliger Triathlon-Coach.

Es war eine unserer letzten 1:1-Einheiten.

Zugegeben: Ich war im Wasser besser geworden unter ihm.

Rückblickend allerdings mit einer (für mich) falschen Herangehensweise.

Ein Satz ist mir bis heute im Kopf geblieben:

„Ja David … jetzt san’s wirklich nur noch Details. Nur no Deteeeeils.“

Beruhigend war dieser Satz damals.

Heute weiß ich: Er war komplett falsch. Es fehlten keine Details, es fehlte das Fundament.

Meine Schwimmzeiten beim Ironman waren grauenhaft.

2021 schwamm ich 1:06 und 1:04 Stunden.

Da fehlte allerdings auch noch jede Erfahrung, wie man überhaupt einen Start im Profifeld angeht.

Mittlerweile kenne ich viele Triathleten, die es als Profi versucht haben oder wollten.

Diese Schmach, schon beim Schwimmen komplett „gechicked“ zu werden, also teils hinter den Profi-Frauen aus dem Wasser zu kommen, weit hinter allen Profi-Männern und einfach abgeschlagen zu sein …

Viele hätten nach so einer ersten Saison aufgehört.

Und vermutlich hätten damals auch nur die wenigsten geglaubt, dass ich irgendwann mit 55 Minuten aus dem Wasser komme und statt 25 nur noch neun Minuten Rückstand auf die Spitze habe.

Im Becken war damals 1:30 auf 100 Meter für mich schnell.

Grundlagentempo war ungefähr 1:45 / 100.

Nur, damit du das ein bisschen einordnen kannst.

2022 ging es eigentlich aufwärts.

Bis ich mir im April eine Rippe brach.

Bis heute der schlimmste Schmerz, den ich je hatte.

In Roth stand ich trotzdem am Start.
Den Knochen hatten wir einigermaßen hinbekommen.
Das Schwimmen war trotzdem räudig, da viel Training fehlte. 1:07 – ohne Neo.
Immerhin war ich überraschenderweise nicht letzter Profi.

Die Saison 2022 war anschließend schnell beendet.

Ich hatte in diesem Jahr mehr Stressfrakturen als Wettkämpfe.
(Darüber schreibe ich übrigens wirklich bald. Versprochen.)

Ende 2022 schrieb ich Lukasz an.

Ich kannte ihn flüchtig von zwei Wettkämpfen.
Und ehrlich gesagt: Wenn man ihn am Schwimmstart sieht, bekommt man schon ein bisschen Respekt vor dem Typen.

Aber es half ja nichts.
Expertise musste her.

Nach kurzem Einschwimmen in Würzburg schaute er auf meinen Stil.

Dann kam der Satz.
„Naja … du kannst halt nicht schwimmen.“

War das der Satz, den ich erwartet hatte?
Nicht ganz.
Wollte ich ihn hören?
Absolut.

Denn genau das war die Grundlage für nahezu unbegrenztes Potenzial.

Ein Blankoscheck.
Neustart.
Forever young.

Ab diesem Zeitpunkt war für mich vor allem eines wichtig:

Vertrauen.

Vertrauen in den Menschen am Beckenrand. Oder genauer gesagt: in den, der mir jeden Sonntag eine Excel-Tabelle mit meinem Schwimmplan schickt.
Und Vertrauen in den Prozess.

Ersteres fiel mir extrem leicht. So leicht wie bei keinem Trainer zuvor.

Warum?
Weil er es kann.

Wenn ein 40-Jähriger vor dir steht, neben dem du aussiehst wie ein unfitter Schuljunge (zumindest war das 2023 so), dann kann der eigentlich auch erzählen, was er will.

Und wenn der sagt: „Mach jeden Tag Stabi. Mach mehr Krafttraining.“
Dann weißt du, wo du mich findest.

Von diesem Zeitpunkt an spielte die Uhr im Wasser plötzlich kaum noch eine Rolle.
Selten Zeiten. Viel Gefühl. Viel Vertrauen. Viel Fokus auf die richtigen Dinge.

Und ehrlich gesagt ist das heute immer noch so.
Was interessiert mich, wie schnell ich 800 Meter mit Pullbuoy schwimme? Oder wie schnell ich 1.000 Meter in Zone 2 zurücklege?

Ja, wettkampfspezifische Einheiten schwimme ich natürlich nach Zeit. Und bei Intervallen zählt jede Sekunde.

Aber bei den meisten Einheiten – oder zumindest großen Teilen davon – nimmt es enorm viel Stress heraus, einfach nur zu schwimmen.
2023 gab es dann die ersten Lichtblicke.

In Klagenfurt wäre ich fast unter einer Stunde geblieben. Einmal verschwommen – und weg war die Zeit. Trotzdem: besser.

Beim Ostseemann … na gut.
Nach dreimal Übergeben wegen der Wellen war die Schwimmzeit ohnehin Makulatur.

In Cervia schwamm ich ohne Neo nur wenige Sekunden über einer Stunde.
Auch das war ein Fortschritt.

Richtig gesehen habe ich diesen Fortschritt aber erst nach meiner langen Verletzungspause 2025:

Beim Ironman Kopenhagen schwamm ich mit 55 Minuten zum ersten Mal wirklich solide über die Langdistanz.

Viel wichtiger als die reine Zeit:

Ich komme mittlerweile im guten Mittelfeld der Profis aus dem Wasser.
Dass ich aktuell auf dem Rad Zeit herschenke, dafür kann mein Schwimmen nichts. Das ist eine andere Baustelle.


Ironman Kopenhagen 2025. Meine erste gute Langdistanz-Schwimm-Performance.

Man darf dabei eines nicht vergessen:
Zwei, drei Sekunden pro 100 Meter sind im Schwimmen eine Welt.
Ich habe mich über 20 Sekunden pro 100 Meter verbessert.
Das sind auf 3,8 Kilometer mehr als zehn Minuten.

Für jemanden wie mich – viel zu spät angefangen, keinerlei Schwimm-Background – haben mir viele gesagt, das sei praktisch nicht möglich.

Vielleicht ist genau das heute einer der Gründe, warum ich beim Coaching im Schwimmen so gut mit Menschen arbeiten kann, die einen ähnlichen Weg vor sich haben.

Natürlich gibt es deutlich bessere Schwimmerinnen und Schwimmer als mich.
Aber wenn du seit deinem achten Lebensjahr perfekt schwimmst, kannst du manche Fehlerbilder gar nicht nachvollziehen.

Für mich ist es heute logisch, dass ein Arm oft deshalb zu weit außen landet, weil das Timing der Atmung nicht passt.
Nicht, weil ich es irgendwo gelesen habe.
Sondern weil ich genau diese Fehler selbst gemacht habe.

In alter GETactive-Tradition mache ich eben alle Fehler erst einmal selbst – damit ich sie anschließend bei anderen korrigieren kann.

Mittlerweile schwimme ich schnelle Hunderter im Becken in 1:12 bis 1:14.
Meine Grundlage liegt entspannt zwischen 1:28 und 1:32 pro 100m.
Manchmal auch langsamer, wenn ich am Vortag fünf Stunden Rad gefahren bin.
Auch völlig logisch.

Und ja:
Für richtige Schwimmer ist das immer noch langsam.
Quasi Ausschwimmen nach einem Wiesn-Besuch.

Schwimmen ist anders.
Schwimmen ist brutal ehrlich.
Physisch wie mental.
Ich mag das Training aber unglaublich gerne.

Egal, welche Probleme ich mit ins Schwimmbad nehme:
Ich stehe am Beckenrand, kaltes Wasser ins Gesicht, Trizeps kurz dehnen, HWS und LWS einmal knacksen lassen.

Ab dem ersten Meter ist alles andere egal.

Weil ich weiß:
Ich brauche diese Konzentration.
Sonst kann ich es auch bleiben lassen.

Schwimmen ist außerdem eine der wenigen Disziplinen im Triathlon, die vom Material-Wettrüsten kaum betroffen ist.

Klar – ein guter Neo hilft.

Aber es ist eben ein Unterschied, ob der 1.500 Euro kostet oder ob dein Rad 20.000 Euro kostet und danach noch eine Windkanal-Session für weitere 15.000 Euro folgt.

Schwimmen wird gleichzeitig die Disziplin sein, die ich als Triathlon-Rentner (in „vielen“ Jahren!) sofort an den Nagel hängen werde.
Ich werde mich nicht mehr mit ignoranten Menschen streiten, die offenbar direkt aus dem Altenheim ins Schwimmbad spaziert sind.
Oder mit dem Typen in der Tiger-Badehose, der beim Brust-Beinschlag fast sämtliche Körperteile verloren hat, die wirklich keiner sehen will.

Ganz generell:
Ich finde Schwimmbäder selten besonders sehenswert.
Weder unter noch über Wasser.

Der eigentliche Grund ist aber ein anderer.
Ich werde diese Konzentration nicht mehr aufbringen wollen.

Warum schreibe ich das alles überhaupt?

Zum einen wollte ich einfach mal zeigen, wo ich schwimmerisch herkomme.
Und warum ich heute ehrlich stolz darauf bin, wie ich mich im Wasser bewegen kann.
(Ja, der linke Arm könnte über Wasser schöner aussehen. I know.)

Viele unterschätzen außerdem, wie groß der Unterschied zwischen 1:04 Stunden und 55 Minuten wirklich ist.

Da heißt es oft:
„Ach, ungefähr eine Stunde.“

Nein.
Das sind mehrere Welten!
Das ist ungefähr der Unterschied zwischen einem Fiat Panda und einem BMW 320 auf der Autobahn.
Noch kein Porsche. Fair enough.

Zum anderen führe ich immer wieder Gespräche mit Athletinnen und Athleten, die beim Schwimmen ungeduldig werden.
„Warum werde ich nicht schneller?“
Weil Schwimmen Zeit braucht. Sehr viel Zeit.
Also glaub an den Prozess.

Bei mir hat es auch gedauert.
Ich schwimme fünfmal pro Woche.
Über 20 Kilometer in 5 Tagen meist.

Fast jeden Tag Stabi-Training.
Es wird einem nichts geschenkt.

Keine Sekunde. Kein Meter.
Einfach machen.


Ein paar Zeilen zu mir aktuell.

Ich bin nach wie vor in einer phänomenalen Verfassung und – wie schon geschrieben – eigentlich nur einen guten Radsplit von einem richtig guten Ergebnis entfernt.

Ich arbeite daran. Bike-Fitting. Anpassungen im Training.
Das Übliche: Mal wieder Steine umdrehen und nach Lösungen suchen. So wie einst beim Schwimmen.

Der Oberschenkel hat sich nahezu komplett erholt und Laufen geht wieder schmerzfrei.

Die vergangenen zwei Wochen waren etwas ruhiger und geprägt von vielen Personal-Einheiten im Schwimmbad.
Training war ruhig, meine Race-Shape ist weg, paar Kilo mehr auf der Waage – also alles relativ normal nach einer Langdistanz irgendwie.

Seit Donnerstag-Abend habe ich ein wenig mit Erkältungssymptomen zu tun … vermutlich etwas zu lange unterkühlt und zu wenig Kalorien am Mittwoch bei eigenem Training und Schwimm-Event mit meinen Leuten. Dann eine Nacht richtig schlechter Schlaf und das System kippt ausnahmsweise mal.
Gestern ging nur wenig. Heute den Lauf musste ich abbrechen und nach Hause spazieren. Schlecht fürs Training, gut für den Kopf 😉

Aber das wird wieder!
Jetzt richtet sich der Fokus wieder komplett auf die Wettkämpfe:

In einer Woche Regionalliga mit dem TSV Harburg in Hof.
Zwei Wochen später Mitteldistanz in Turku – gemeinsam mit einer GETactive-Truppe.

Und wiederum drei Wochen später Ironman Kalmar in Schweden.

Die Ziele?

Wie immer gigantisch groß.

Dream big. Or not at all.
Der frühe Wecker muss sich schließlich lohnen.

Bis zum nächsten Mal.
Keep cool und bleibt sportlich,

David

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