IM Klagenfurt – Leiwand? Jein.
Es ist Sonntag, 4:45 Uhr. Zweite Dose Red Bull, Matze am Steuer – er genießt den Duft dieser Flüssigkeit mindestens genauso wie ich den Geschmack. Aus den Lautsprechern läuft „Baila Morena“ von Zucchero.
Es ist Ironman Raceday.
Nebel in Klagenfurt. Epische Stimmung – wirklich!
Je höher deine eigenen Erwartungen sind, desto schwieriger kann ein solcher Tag werden.
Meine Ziele waren so, dass es wenig Raum für Fehler gab auf einem sehr ehrlichen, anspruchsvollen Kurs bei sehr ehrlichen und harten Bedingungen.
Die letzten Tage vor dem Rennen liefen – wie ja schon die letzten Wochen – wirklich gut.
Selbst mein Problem am Steuersatz/Lager konnten die Jungs auf der Expo innerhalb von 10 Minuten für 30 € lösen!
Schwimmen am Freitagmorgen um 08:00 Uhr im Wörthersee lief ruhig und entspannt. 55 Minuten habe ich für den ganzen Kurs gebraucht bei lockerem Tempo, habe nur eine Boje ein wenig kürzer genommen.
Natürlich der Gedanke: Da gehen im Wettkampf 2–3 Minuten mehr, da ich da echt ohne Druck geschwommen bin.
Der letzte Lauf – aufgrund der Oberschenkel-Thematik – nicht wie sonst am Samstag, sondern schon am Freitag, lief noch schmerzvoll und unrund, sodass ich auf jeden Fall wusste, die immer noch andauernde Nervenreizung mit ein wenig Schmerzmittel beruhigen zu müssen für Sonntag.
Die letzte Aktivierungsfahrt am Samstag klappte überragend. Diese Beine wollte ich Sonntag haben und auch dieses Top-Gefühl auf dem Rad.
Ironman ist ein bisschen wie Abitur
Ironman (oder generell Wettkampf) ist ein wenig vergleichbar mit einer Abi-Prüfung:
Die letzten Jahre war das oft wie Physik bei mir: Ich wusste, dass es schwierig wird, und das Ziel war vor allem, irgendwie durchzukommen.
Dieses Mal war es eher wie Englisch. Ich wusste, dass ich echt gut bin. Die Frage war nicht, ob es reicht, sondern wie gut es am Ende wird.
5:00 Uhr. Die Wechselzone macht auf.
Die letzten Vorbereitungen an den Wechselbeuteln machen, Schuhe ans Rad, Flaschen auffüllen (dabei aus Versehen in die Trinkblase am Rahmen das falsche Lebenselixier gekippt), Garmin-Computer startklar machen und schauen, dass ich meine Luftpumpe wieder bekomme, die mittlerweile das halbe Profi-Feld in den Händen hatte.
5:30 Uhr:
„The official water temperature is 20.7°C. That means it’s a wetsuit legal race for our amateur athletes as well as for our professional athletes.“
Danke. Nehmen wir!
5:35 Uhr. Luxuriöser Insider-Toiletten-Stopp im „Das Seepark“.
Besser als jedes Dixie. Muss mal erwähnt werden – dafür hat sich mein Aufenthalt im Mai in diesem Hotel allein schon absolut gelohnt!
5:45 Uhr. Fußweg zum Strandbad, wo Matze schon mit Neo und anderen Utensilien auf mich wartet.
5:55 Uhr. Warm-up. Das zweite, nachdem die erste Aktivierung schon um 3:40 Uhr stattgefunden hat.
5:58 Uhr. Tom (einer meiner Athleten, der in den letzten vier Wochen drei grüne Einheiten in TrainingPeaks stehen hat, Anm. d. Red.) kommt mit bester Laune zu uns.
Als ich in mühevoller Detailarbeit den Neo anziehe, unterhalten wir uns sehr entspannt.
Paar Minuten später, auf dem Weg zum Wasser, musste ich über Gespräch und Themenwahl fast schon halblaut lachen.
6:08 Uhr. Ich begebe mich mit Matze als offizieller Begleitperson in die Pro-Lounge. Quasi wie in das Wartezimmer für Privatpatienten.
6:12 Uhr. Einschwimmen. Ich sehe Flo in Reihe eins der Zuschauermenge und gehe aus dem Wasser zum kurzen Shake Hands.
6:20 Uhr. Fertig mit dem Warm-up. Ein letzter Schluck aus der Sponser-Flasche, die eigentlich im Rad hätte sein sollen, und ein emotionales Goodbye mit Matze.
6:28 Uhr. Mein persönlicher Augenroll-Moment: Österreichische Nationalhymne. Aber ist eben Staatsmeisterschaft.
6:30 Uhr. Schuss, Feuerwerk, los geht’s! Endlich.
Selten (nie?!) einen so guten Schwimmstart erwischt.
Ich wollte die 50–52-Minuten-Gruppe erwischen und da war ich auch drin!
Hatte gute Arme, hing im Wasserschatten, bekam zwischenzeitlich einen Fuß derart ins Gesicht, dass ich den Rest des Kurses einäugig (Brille verrutscht) und ohne offizielle Badekappe schwimmen musste und bis 800 Meter dachte ich:
Heute läuft’s super!
Ich hatte vorher ja gesagt, ich möchte etwas riskieren.
Das war Risiko Nummer eins: Schnell anschwimmen und nicht den gleichen Fehler machen wie in Peñíscola.
Ich sah schon die erste Wendeboje (1250 m), dann ging ein Ruck durch das Feld, die Lücke ging auf und ich konnte sie noch einmal zuschwimmen.
Aber kein zweites Mal.
Kurz vor der Wendeboje musste ich reißen lassen – zu viel Schnappatmung. Etwas zu viel über der Schwelle.
Ich schwamm kurz Rücken, um zu sehen, was hinter mir los war. Da waren sechs bis acht rosa Badekappen, die in meinem Wasserschatten geschwommen sind.
Ich versuchte ein wenig taktisch zu schwimmen und nahm kurz raus, um zu sehen, was passiert – aber die Arbeit blieb an mir hängen.
Im Lendkanal noch einmal kurz beschleunigt, sodass es den anderen vielleicht ein bisschen wehtut, und tatsächlich bin ich dann nur mit zwei oder drei anderen gleichzeitig raus.
Nach 56 Minuten.
Wie ärgerlich.
Da wäre mehr drin gewesen.
Dennoch: Schwimmen ist nicht mehr mein Problem Nummer eins.
(Vielleicht brauche ich einen Radtrainer, der so gut ist wie mein Schwimmtrainer.)

Radfahren
7:30 Uhr. Es geht aufs Rad.
Die Beine sind okay, aber nicht super.
Lomholt ging vorbei, aber das wusste ich – einer der besten Radfahrer im Feld.
Einige Fahrer gingen vorbei, unter anderem Lorenzo Delco. Bei ihm wusste ich: Wenn ich heute wirklich einen guten Tag habe, müsste ich ungefähr in seiner Liga unterwegs sein; Mindestens!
Bis Kilometer 28 konnte ich mithalten, dann musste ich reißen lassen. Das war das erste echte Signal, dass heute keine Top-Radzeit drin sein würde.
Von da an spielte sich mein Rennen eigentlich zwischen mir und den beiden Spaniern Valverde und Baz ab.
Mein Plan war simpel:
Berghoch mein Gewicht nutzen und andere Fahrer abstellen sowie in die nächste Gruppe auffahren.
Bergab und auf den flachen Passagen alles daransetzen, um dranzubleiben.
Problem: Ich war berghoch jeweils weg von denen, die um mich herum waren. Leider war der Abstand zur nächsten Gruppe zu groß, sodass ich anschließend oft wieder einkassiert wurde.

Es war frustrierend.
Ich merkte, dass der Schnitt immer weiter von meinen Zielen wegrutschte.
8:20 Zielzeit glitt mehr und mehr in weite Ferne.
Die ersten Rechenspiele im Kopf beginnen. Nie ein gutes Zeichen – so früh.
9:49 Uhr. Noch bevor die erste Runde zu Ende ist, bin ich am ersten mentalen Tiefpunkt angekommen.
Ich hatte Baz und Valverde rauf zum Rupertiberg wieder abgestellt, ohne zu attackieren.
In der langen Abfahrt kam Baz mit seinen gefühlt 90 Kilo wieder an mir vorbei, während ich mit 54er-Kettenblatt und 100er-Frequenz am Kurbeln war. That’s life.
Der Gedanke ans Aufhören war hier kurz sehr real, da es machbar gewesen wäre. Einfach am Ende der ersten Runde in die Transition Zone fahren, das Rad abstellen, die Laufschuhe aus dem Beutel holen und irgendwo hingehen, wo man ein großes Bier bekommt oder so.
Und dazu muss ich sagen: Dieser Gedanke kommt bei allen mal an so einem Tag. Selbst die Weltbesten haben das! Selbst Frodeno hat das häufig erzählt – nachdem er Rennen gewonnen hatte.
Man muss es managen.
Es ist das Verhandlungsgeschick mit dem eigenen Kopf und Körper. Man muss sich austricksen und irgendwie dazu überreden, dass es doch noch (gut) geht.
Meine Rettung:
Tom im GETactive-Shirt.
Aus dem Nichts, bei Tempo 60, stand er da an einer Abbiegung und rief mir etwas zu, das wie ein verzweifeltes „Auf geht’s, David!“ klang.
Das hat mir gereicht.
Es war mein Tritt in den Hintern, den ich an der Stelle gebraucht hatte. Das kann auch ein Plakat sein oder ein kleines Kind oder ein Rollstuhlfahrer. In meinem Fall war es Tom.
Lead by example!
War mein Gedanke ab diesem Zeitpunkt, den ich auch noch mit auf den Marathon nehmen konnte.
Zumindest die nächsten 30 Kilometer liefen dann wieder nach Plan, bevor auf den letzten 50 Kilometern der Radstrecke das gleiche Spiel wie in Runde eins losging.
Ich muss auch dazu sagen, dass ein „Zusammenarbeiten“ wie früher mit 20 Metern Windschattenabstand und Race Ranger nahezu unmöglich ist!
Du spürst wirklich keinerlei Windschatten mehr und bei 20 Metern überlegst du zweimal, ehe du überholst.
Mental hilft es natürlich trotzdem, wenn du jemanden vor dir hast.
12:16 Uhr. Rad aufhängen. Endlich laufen.
Der lange Weg Richtung Beutel mit den Laufschuhen. Zeit lassen, ohne Zeit liegen zu lassen. Einmal auf den Rücken, die LWS knacksen lassen.
Dann geht’s los.
Großer Applaus derer, die am „Run Out“ stehen. Unter anderem Matze, der mir sagt, dass „ein schneller Marathon“ für „unter 8:30“ reichen würde.
12:24 Uhr.
Die ersten zwei Kilometer in 3:52 und 3:56 gelaufen – ganz gutes Gefühl. Beine sind gut, Atmung funktioniert.
Also: Versuchen wir’s.
Risiko? Zumindest jetzt mal wieder!
Als ich kurz bei Kilometer 13 oder 14 stehen blieb, um den Puls zu checken, wusste ich eigentlich schon, dass es heute nicht mehr um eine große Zeit gehen würde.
Es ging nur noch darum, den Schaden zu begrenzen.
Puls über 190. Komplette Überhitzung.
Das ist der Moment, den man als Zuschauer oft nicht sieht.
Der Körper kann noch laufen. Die Beine funktionieren sogar noch ganz ordentlich. Aber das System sagt: Heute nicht mehr.
Ja, letzter Blog: „Hitze kann ich“.
Okay, scheinbar auch das nur bis zu einem bestimmten Grad.
Die Verhandlungsgespräche im Kopf gingen dann zu früh in die falsche Richtung.
Beim Halbmarathon mit 1:27 angekommen – noch genug Puffer, um vielleicht unter drei Stunden zu laufen.
Leider hat selbst das nicht funktioniert.
„Going through the motions“ beschreibt das dann am besten.
Man ist als Supporter (wahrscheinlich) sehr enttäuscht, wenn man merkt, da wird nicht mehr bis ans Limit gegangen.
Ich war das früher als Fan vor dem Fernseher auch.
Mittlerweile kann ich viele Situationen, die da ablaufen, besser einschätzen.
3:03h am Ende für den Marathon.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen Kilometer in 4:45 oder so gelaufen war – Sonntag war das hinten raus mal wieder der Fall.
Ich hab’s zumindest anständig zu Ende gebracht.
Aufgeben finde ich immer das schwierigste und die Erfahrung reicht mir das eine Mal aus Cervia 2023.
Ich finde den Trend bei den Profis, die – sobald ihnen ihr Prio-1-Ziel entgleitet – rausgehen, absolut nicht gut.

Der Sport lebt vom Finishen.
Man hat eine Vorbildfunktion als Profi und rauszugehen ist meiner Meinung nach absolut nicht korrekt.
(Un)zufrieden?
Relativ gute Zeit?
Ja – ich weiß, dass das eine solide gute Zeit ist.
2022 wäre man damit sechster geworden! 2023, 24 und 25 immer im Bereich 20-21.
Jetzt hieß es 8:51h für Platz 33.
Mir hat manch einer geschrieben, ich solle doch „zufrieden“ sein mit dieser Zeit.
Mir haben das auch schon Leute nach Zeiten von 9:30 Stunden im Jahr 2021 geschrieben.
Ich bin nicht zufrieden damit.
Und wäre ich das, dann wäre es höchste Zeit aufzuhören.
Ich stehe nicht jeden Tag früh auf und gehe komplett kaputt ins Bett vom Training, um damit zufrieden zu sein.
Ich war Sonntagabend schon auch traurig und habe bis Mitternacht oder so das Thema mental verarbeitet.
Ohne Bier oder so einen Quatsch.
Ich schreibe dann immer ein paar Zeilen in mein Buch, da die Gedanken dann noch sehr nah dran sind.
Es gibt 1000 motivierende Werbesprüche und Slogans, die Menschen auf ihren Unterhosen tragen.
Der Unterschied:
Ich lebe den Quatsch wirklich.
Und das ist der (Haupt-)Grund, warum ich immer noch da bin – trotz aller Rückschläge, die ich in den letzten Jahren hatte.
Wie geht’s?
Heute geht es mir ehrlich gesagt immer noch nicht besonders gut.
Der Marathon und die letzten Nächte haben ihre Spuren hinterlassen.
Eine Stunde Radfahren war heute gute Therapie.
Nächster Halt für deinen Lieblingstriathleten: Turku. Mitteldistanz.
Davor drehen wir ein paar Steine um:
Als Erstes die Radposition analysieren und optimieren.
15:21 Uhr.
Ich laufe in Klagenfurt ein.
„Baila Morena“ ertönt.
Dieses Mal vom Veranstalter.
Ich musste kurz schmunzeln – irgendwie passend.
Langer Tag.
Nie wieder.
Naja. Wahrscheinlich bis August oder September.
Langer Tag, langer Blog.
Danke fürs Lesen und danke für die ganzen Nachrichten rund um Sonntag.
Bis zum nächsten Mal.
Bleiben Sie sportlich!
David.
Danke an alle, die mir geholfen haben, es so fit an die Startlinie zu schaffen! Und großen Dank an meine Crew vor Ort: Meine Family, Eltern, Flo, Tom, Matze!
